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Die gelbe Illusion: Wie aus Zustellung Selbertragen wurde

Als Kind der 80er-Jahre habe ich eine verstaubte Erinnerung an die Post. Ein Postbote war eine fixe Größe im Viertel, Pakete wurden tatsächlich an die Tür getragen, und wenn etwas schiefging, gab es Menschen, die Verantwortung übernahmen. Damals wurden Beschwerden von Empfängern zumindest noch so beantwortet, als gäbe es einen Funken Interesse an Service. Ich erinnere mich sogar noch daran, dem Postboten an heißen Sommertagen eine Flasche Wasser zugesteckt zu haben, wenn ich zuhause war.

Bin ich nostalgisch, altmodisch oder schlicht dumm, wenn ich diese Zeit vermisse?

Vielleicht. Heute ist der Empfänger im Geschäftsmodell von Post.at vor allem eines: ein lästiges Hindernis, das im System gelegentlich wie eine kaputte Klimaanlage quietscht. Der Vertragspartner ist der Absender, und wir dürfen uns mit den Trümmern des Subunternehmer-Prekaritäts-Dschungels herumschlagen. Moderner Ausbeutung im Sub-Sub-System, bei der selbst die letzte moralische Verantwortung komplett outgesourced wird.

Das Prozedere für alle, die diesen modernen Logistik-Luxus noch nicht kennen, sieht standardisiert so aus:

Keine Info, kein gar nichts - nur ein Status, der als Standard gesetzt wird. Wahrscheinlich eine fix einprogrammierte Schleife.

Beschwert man sich beim Kundenservice, bekommt man heiße Luft und eine SMS-Textbaustein-Entschuldigung. Die versprochene Änderung ist nicht einmal den Speicherplatz auf den Servern wert. Rückrufe? Versickern im digitalen Nichts. Man wird hingehalten, und der ganze Support-Zyklus scheint von kollektiver Amnesie zu leben, in der Hoffnung, dass der Empfänger entnervt aufgibt und alles dankend hinnimmt. Wenn da nur niemand auf dumme Ideen kommt und Selbstjustiz am Zusteller oder am Inventar der Ignoranzzentrale übt - denn die Stimmung gegen den gelben Riesen ist, je nach dem, wen man fragt, auf dem Level von Erdöl und kollektiver Resignation, gepaart mit dem Wunsch, den Verantwortlichen mal persönlich und physischen Nachdruck die Leviten zu lesen.

Da man als ehemalige Sysadmin Dingen gerne auf den Grund geht, hängt meine Türklingel mittlerweile an einem ESP32.

Ein ESP32 ist ein kleiner Mikrocontroller, den man für ein paar Cent bzw. zum Preis eines halben Butterbrots (selbst gebacken, um Kosten zu sparen) programmieren kann. Und was macht die Schaltung nun? Sie hängt an der Klingel, schreibt ein sauberes Logfile und stellt eine Verbindung zur Gegensprechanlage her. Mit anderen Worten: Egal, wo ich bin, ich könnte theoretisch mit der Person an der Klingel reden oder eben protokollieren, dass niemand da war.

Denn was ist das empirische Ergebnis? Die letzten Monate brachten keine einzige Auslösung durch Zusteller. Stattdessen findet man mit viel Glück das Paket ins Foyer gekippt, auf den gemeinschaftlichen Briefkasten geworfen oder schlicht den gelben Zettel - lieblos in den Kasten gestopft mit einem unleserlichen Aufkleber, der suggerieren soll, man möge sein Eigentum am nächsten Werktag in der Filiale abholen.

Warum mich das so aufregt, zeigt die lokale Logistik in all ihrer Groteske: Mein Tierbedarfshändler liegt einen Steinwurf entfernt von der Postfiliale. Bestelle ich dort Katzenstreu im Vorratspack, schickt es der Händler per Post. Die Post fährt das Paket im LKW im Kreis, behauptet steif und fest, niemand sei zuhause gewesen, und deponiert es - Überraschung - in genau jener Filiale in der Nähe des Ladens, von dem es kam. Gleiche Distanz, aber mit extra Zusatzaufwand, verschwendetem Diesel und eimerweise Ärger.

Was sind die Lösungen, die mir das System anbietet?

Wenn du mir, lieber Leser nicht glaubst, dann schiebe doch die AGBs der Paketdienstleister durch das LLM deines geringsten Misstrauens und du wirst erstaunt sein wie wenig Rechte du eigentlich hast und dass es unterm Strich auf ein “Sei froh wenn irgendwas irgenwo ankommt” hinausläuft. Denn die Post kann ja nichts dafür - sie machen ihre Arbeit ja nicht mehr selbst.

Bleibt also nur der offizielle Weg über die RTR. Doch nach Wochen des akribischen Meldens jeder einzelnen Phantom-Zustellung bleibt die ernüchternde Erkenntnis: Es kümmert niemanden. DSGVO-konform bleibt einem also nicht einmal der gepflegte Ausbau des Eingangsbereichs mit schwerer Artillerie. Es bleibt die Sackkarre. Denn egal, welchen Logistik-Banditen man wählt - in the end, it doesn’t even matter - , am Ende ändert sich nur die Distanz, die man laufen muss, um seine eigene Ware zu erben.

Lang lebe die moderne Subunternehmer-Ausbeutung im subventionierten Sub-Preariat, wo unterbezahlte Kuriere unter unmenschlichen Bedingungen den standardisierten Systemmangel ausbaden müssen! Ganz ehrlich: Um das Geld, das diese modernen Sklaven sehen, hätte ich für den Job auch keinen Puls. Doch eine Frage brennt mir unter den Nägeln: Wäre es nicht umweltfreundlicher, statt die Lieferwagen im Kreis zu jagen, die gelben Zettel gleich direkt mit dem Fahrrad oder zu Fuß auszuliefern?

Ob und wann es eine Lösung für diesen Zustand gibt? Eine rhetorische Frage. In unserer optimierten Globalisierung warte ich eigentlich nur noch auf den großen Supergau und das endgültige Zusammenfallen des Kartenhauses. Denn wie es aussieht, sind wir nicht die Einzigen, die das Prädikat “versagt” oder den Begriff “Scheißverein” inzwischen fest mit dem heimischen Paketdienstleistertum verknüpfen.

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